Das Priestertum aller Gläubigen

Mi 11. März 2026 - 19:30
Olaf Latzel

Stichpunkte

1. Die Andacht: Mt 16,13-19
Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei? Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten. Er fragte sie: Wer sagt denn ihr, dass ich sei? Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein. (Mt 16,13-19)

- Eine Perikope der Wendung -

1. Die geographische Wendung
2. Die priesterliche Wendung
3. Die Erkenntnis Wendung
4. Die biographische Wendung
5. Die gemeindliche Wendung


2. Das Priestertum aller Gläubigen

Das Priestertum aller Gläubigen oder theologiegeschichtlich korrekt Priestertum aller Getauften ist ein Begriff der christlichen, besonders der evangelischen Theologie. Er hat dort verschiedene Bedeutungsstufen. In den evangelischen Landeskirchen bedeutet er vorrangig, dass alle Gläubigen unmittelbar zu Gott sind und dass das (unverzichtbare) öffentliche Predigtamt (Pastor, Pfarrer) keinen Weihestand konstituiert. Daher ist Ordination auch kein Sakrament, anders als in der katholischen Kirche. In Freikirchen der evangelischen Tradition wird mit dem Begriff hervorgehoben, dass jeder Gläubige der Gemeinde die Aufgaben, die in anderen Kirchen der Pfarrer bzw. Priester ausübt, selbst übernehmen kann. Allerdings gibt es faktisch auch hier in den meisten Fällen Pastoren und durch Segenshandlungen (Ordinationen) bestellte Prediger, Älteste, Evangelisten oder Missionare mit irgendeiner Form von theologischer Ausbildung. In der römisch-katholischen Kirche wird seit der Dogmatischen Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche ebenfalls ein „gemeinsames Priestertum der Gläubigen“ gelehrt, das sich darin äußert, dass „sie in allen Werken eines christlichen Menschen geistige Opfer darbringen und die Machttaten dessen verkünden, der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat“.

Historisch gehört der Begriff wesentlich zum Selbstverständnis der Reformation und der aus ihr hervorgegangenen Kirchen und wird dort als Gegenbegriff zum besonderen, sakramentalen Priestertum der katholischen und orthodoxen Kirchen verstanden. Andererseits kennen auch diese Kirchen neben dem Amtspriestertum das allgemeine Priestertum aller Getauften. Die Reformation Martin Luthers hatte ihren Auslöser in der Wiederentdeckung der zentralen christlichen Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein durch die Gnade (sola gratia), die allein der Glaube empfängt (sola fide). In Abgrenzung zum römischen Priestertum formulierte Luther in einer Frühschrift das Priestertum aller Getauften: „Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes, und ist unter ihnen kein Unterschied dann des Amts halben allein. ... Demnach so werden wir allesamt durch die Taufe zu Priestern geweiht. ... Was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon Priester, Bischof und Papst geweiht sei, obwohl es nicht jedem ziemt, dieses Amt auch auszuüben.“ (Martin Luther: An den christlichen Adel... (1520)) In der Begrifflichkeit ist zunächst ausgedrückt, dass alle Christen durch Glaube und Taufe einen unmittelbaren Zugang zum göttlichen Heil haben, ohne auf priesterliche Vermittlung angewiesen zu sein. Daraus folgt aber auch die Wahrnehmung priesterlicher Aufgaben durch die Gläubigen, allen voran gegenseitige Fürbitte und Tröstung, nicht jedoch die Aufgabe der öffentlichen Predigt. Anfangs war das allgemeine Priestertum für Luther auch ein Argument dafür, dass die Gläubigen unter sich geeignete Personen zum Predigtdienst berufen und beauftragen sollten

In seiner Auseinandersetzung mit radikal-reformatorischen Gruppierungen wie den Spiritualisten – von ihm „Schwärmer“ genannt – und den Täufern, die das egalitäre Prinzip unmittelbar und radikal in kirchliche und staatliche Praxis umsetzen wollten, betonte er jedoch bald mehr und mehr die Unableitbarkeit des Predigtamtes und verwies auf die Bibel und die kirchliche Tradition. Daher enthielten die Kirchenordnungen der neu entstehenden lutherischen Landeskirchen von Anfang an klare Ämter-, Ordinations- und Visitationsbestimmungen. In den lutherischen Bekenntnisschriften (und somit der offiziellen Lehrauffassung der lutherischen Kirchen) taucht die Lehre vom Priestertum aller Getauften nur an einer Stelle als Argument für die Wahl der Pfarrer durch die Gemeinden auf. Auch die Bekenntnisschriften der reformierten Kirchen lehren das allgemeine Priestertum und verstehen es als Teilhabe am Priestertum Christi. Luthers Lehre vom allgemeinen Priestertum wurde im Pietismus in den evangelischen Kirchen revitalisiert. Philipp Jacob Spener forderte in seiner Reformschrift Pia desideria (1675) an prominenter Stelle „die Auffrichtung und fleissige Übung des ‚Geistlichen Priesterthums‘“ und verteidigte dies später in weiteren Schriften gegen die lutherische Orthodoxie.

Besonders in der Gestalt von kleinen Gruppen zur gemeinsamen Bibellektüre und gegenseitigen geistlichen Unterstützung wurde der Gedanke in den evangelischen Kirchen populär. Für Johann Hinrich Wichern und sein Programm der Inneren Mission war das freie Vereinswesen „in seiner schönsten Weise die Bestätigung des allgemeinen Priestertums der gläubigen Gemeindeglieder“


3. Die Salbung im allgemeinen Priestertum

Im Alten Testament finden sich die Salbung für drei Gruppen in Isarel: Die Könige, die Priester, die Propheten. Dieses entspricht dem dreifachen Amt Jesu, der der Gesalbte ist, hebräisch Messias, griechisch Christus. Ähnlich wie Christus erfahren auch alle seine Nachfolger die Salbung des Heiligen Geistes. Jesus hat seinen Jüngern versprochen, dass er sie nicht alleine lassen wird, wenn er zum Vater geht, sondern ihnen einen anderen Tröster oder Beistand senden wird, den Heiligen Geist (Joh 14 u. 16). Diese Eingießung des Heiligen Geistes wird im NT mit der Salbung in engste Verbindung gebracht.

Diese Salbung ist vergleichbar mit der Salbung der Priester im Alten Bund.

- Doch ihr habt die Salbung von dem, der heilig ist, und habt alle das Wissen. Und die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt nicht nötig, dass euch jemand lehrt; sondern wie euch seine Salbung alles lehrt, so ist's wahr und ist keine Lüge, und wie sie euch gelehrt hat, so bleibt in ihm. (1.Joh 2,20 u.27)
- Gott ist's aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat. (2.Kor 1,21-22).
Dass die Nachfolger Jesu von Gott gesalbt sind, bedeutet auch - ausgehend von der Bedeutung der Salbung der Priester im Alten Testament -, dass sie für Gott aus der Welt ausgesondert, beiseite genommen sind, um für ihn heilig zu sein, für einen bestimmten Dienst berufen sind, für diesen Dienst auch die nötige Ausrüstung bekommen. Es ist wichtig, dass sich jeder einzelne dieser Berufung grundsätzlich bewusst ist, und auch, dass er täglich sucht, zu verstehen und zu tun, was diese Berufung für ihn bedeutet.

Ein weiterer Aspekt der Salbung ist Freude:
- Du hast geliebt die Gerechtigkeit und gehasst die Ungerechtigkeit; darum hat dich, o Gott, dein Gott gesalbt mit Freudenöl wie keinen deinesgleichen. (Hebr 1,9)
Hier wird über Jesus ausgesagt, dass er mit besonderer Freude beschenkt war, weil er die Gerechtigkeit Gottes so kompromisslos geliebt und jede Form von Gottlosigkeit gehasst hat. Darin steckt eine große, in der Bibel oftmals wiederholte Lehre für uns: Je kompromissloser wir Jesus in der Liebe zu Gott und zu seiner Gerechtigkeit nachfolgen, desto mehr Freude und Glück finden wir.


4. Der Text: 1.Petr 2,1-17
1So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede 2und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, 3da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist. 4Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. 5Und
auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus. 6Darum steht in der Schrift Jes 28,16: »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.« 7Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläubigen aber ist »der Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist, 8ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses«; sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind. 9Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht; 10die ihr einst »nicht ein Volk« wart, nun aber »Gottes Volk« seid, und einst nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid. 11Liebe Brüder, ich ermahne euch als Fremdlinge und Pilger: Enthaltet euch von fleischlichen Begierden, die gegen die Seele streiten, 12und führt ein rechtschaffenes Leben unter den Heiden, damit die, die euch verleumden als Übeltäter, eure guten Werke sehen und Gott preisen am Tag der Heimsuchung. 13Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten 14oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt sind zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun. 15Denn das ist der Wille Gottes, dass ihr mit guten Taten den unwissenden und törichten Menschen das Maul stopft – 16als die Freien und nicht als hättet ihr die Freiheit zum Deckmantel der Bosheit, sondern als die Knechte Gottes. 17Ehrt jedermann, habt die Brüder lieb, fürchtet Gott, ehrt den König! (1.Petr 2,1-17)


5. Acht exegetische Schlaglichter aus 1.Petr 2,1-17

1. Das Priestersein als wiedergeborener Christ
Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums. (1.Petr 2,9)

2. Jesus ist der Eckstein auf dem alles ruht (nicht der Tempel)
Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus. Darum steht in der Schrift (Jes 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.« Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläubigen aber ist »der Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist, ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses«; sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind. (1.Petr 2,4-8)

3. Die geistliche Nahrung: das Wort Gottes
Seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil. (1.Petr 2,2)

4. Das Fremdlingsein und das Pilgersein in dieser Welt
Liebe Brüder, ich ermahne euch als Fremdlinge und Pilger. (1.Petr 2,11)

5. Der Kampf des Geistes mit dem Fleisch
Das enthalten Enthaltet euch von fleischlichen Begierden, die gegen die Seele streiten. (1.Petr 2,11)

6. Die Stellung zur weltlichen Obrigkeit
Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt sind zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun. (1.Petr 2,13-14)

7. Die guten Taten
Das ist der Wille Gottes, dass ihr mit guten Taten den unwissenden und törichten Menschen das Maul stopft. (1.Petr 2,15)

8. Das Ablegen schlechter Eigenschaften
So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede. (1.Petr 2,1)

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